Revisionstechnik – Die Vergangenheit neu erleben

|Jessica Zeyer
Meditierende Person mit goldenen Lichtpartikeln – Revisionstechnik nach Neville Goddard

Wenn wir unterstellen, dass Bewusstsein die einzige Realität ist, die existiert, dann ist die Vergangenheit keine starre Ansammlung unumstößlicher Fakten.
Vielmehr ist sie ein in der Vorstellungskraft verankertes Muster, ein Bewusstseinszustand, dem wir selbst Sinn und Bedeutung verliehen haben.

Wenn wir selbst es waren, die vergangenen Erfahrungen ihre emotionale Gewichtung gegeben haben, dann muss es auch möglich sein, diese Energie wieder von ihnen abzuziehen. Dadurch würde sich das scheinbar „Gewesene“ verändern. Durch ein erneutes Erleben und Fühlen könnte eine Erinnerung in eine neue imaginäre Version überführt werden. Vorab sei gesagt: Dieser Text erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch und verfolgt auch nicht das Ziel, einen solchen zu erfüllen. Vielmehr möchte ich eine Technik beschreiben, mit der ich gute Erfahrungen gemacht habe.

Es geht um die Revisionstechnik – eine Methode, mit der man die eigene emotionale Aufmerksamkeit von belastenden Erlebnissen abzieht und deren Bedeutung auf einer inneren Ebene neu gestaltet.

„Du kannst die Realität nicht bekämpfen. Das Einzige, was du tun kannst, ist, ein neues Modell zu erschaffen, das das alte Modell überflüssig macht.“
(Buckminster Fuller)

Die Anwendung ist relativ einfach.

Bevor du schlafen gehst, solltest du den vergangenen Tag noch einmal bewusst Revue passieren lassen. Nicht oberflächlich und nicht nebenbei. Das Ziel ist, Situationen zu überarbeiten, die nicht so verlaufen sind, wie du es dir gewünscht hättest.

Gehe die Ereignisse des Tages Schritt für Schritt durch. Moment für Moment. Empfindung für Empfindung.

Wenn du dabei auf Momente stößt, die unangenehm waren oder negative Emotionen ausgelöst haben, dann erschaffe sie innerlich neu. Stelle sie dir so vor, wie du sie lieber erlebt hättest.

Entscheidend ist dabei nicht das Bild allein, sondern das Empfinden. Fühle die Gegebenheit so, wie du dich gefühlt hättest, wenn sie tatsächlich zu deinen Gunsten verlaufen wäre. Korrigiere sie dann innerlich durch eine neue emotionale Erfahrung.

Das hat nichts mit toxischer Positivität, Verdrängung oder Selbsttäuschung zu tun. Vielmehr wechselst du durch diese neue Empfindung in einen anderen Bewusstseinszustand.

Wenn bestimmte Szenarien während des Tages Gefühle wie Eifersucht, Ärger, Frustration oder Enttäuschung ausgelöst haben, entziehst du ihnen durch die Revision ihre bisherige Bedeutung. Das gespeicherte Muster wird dadurch neu geordnet.

Du solltest dir nicht bloß wünschen, dass etwas anders gewesen wäre. Du musst es innerlich anders erleben – lebhaft, klar und mit allen Sinnen. 

Die alte, als real empfundene Variante wird in deinem Geist verändert und durch eine neue ersetzt. Dabei ist vor allem eines wichtig: Es geht um das Gefühl. Bilder allein besitzen keine Wirkungskraft. Erst die emotionale Beteiligung verleiht ihnen Leben.

Überschreibe das alte Modell durch eine kurze, prägnante Sequenz, die von den gewünschten Empfindungen getragen wird. Deine neue Version sollte sich natürlich, glaubwürdig und stimmig anfühlen.

Beispielsweise könntest du morgens eine Rechnung aus deinem Briefkasten holen, deren Betrag so hoch ist, dass du sie nicht bezahlen kannst.

Nun überarbeite dieses Erlebnis. Stelle dir vor, du ziehst denselben Brief aus dem Briefkasten und denkst erleichtert: „Ach ja, die habe ich bereits gestern überwiesen.“

Es sollte sich weder euphorisch noch außergewöhnlich anfühlen. Vielmehr sollte ein Gefühl von Selbstverständlichkeit entstehen – ruhig, gelassen und natürlich.

Die Panik, die beim Öffnen der Rechnung entstanden ist, wird innerlich in Erleichterung verwandelt. Gleichzeitig versetzt du dich in den Zustand des Schon-Habens und empfindest die Situation so, als wäre die Angelegenheit längst erledigt.

Diese neue Version solltest du anschließend als letzten Eindruck mit in den Schlaf nehmen.

Denn der Zustand, in dem du in den Schlaf übergehst, prägt die vorherrschenden Annahmen deines Unterbewusstseins.

Wenn du dagegen mit Enttäuschungen, Sorgen und den Verletzungen des Tages einschläfst, während du immer wieder darüber nachdenkst, was schief gelaufen ist, verankerst du genau diese Muster in deinem Inneren.

Deshalb ist es wichtig, belastende Emotionen spätestens am Abend zu transformieren.

Es mag ungewöhnlich klingen, aber wenn wir unterstellen, dass Zeit lediglich ein Produkt unseres Bewusstseins ist, dann existieren Ereignisse nicht unabhängig von unserem Erleben. Sie existieren als Eindrücke, die wir als Erinnerungen wahrnehmen.

Wenn du eine Erinnerung neu gestaltest, verwässerst du aus dieser Sicht nicht die Realität, sondern gibst ihr eine neue Bedeutung. Du wechselst gewissermaßen in einen anderen Bewusstseinszustand – so, als würdest du ein anderes Paar Schuhe anziehen.

Wenn die Welt aus dem Bewusstsein heraus erschaffen und erträumt wurde, dann kannst du auch bewusst neue Erfahrungen imaginieren.

In seinem Werk The Law and the Promise schrieb Neville Goddard, dass jeder Akt der Vorstellungskraft, der als real erlebt wird, sich manifestieren müsse. Dabei solle man an der inneren Annahme festhalten, da die äußere Welt lediglich eine Projektion der inneren Imagination sei.

Dieses Prinzip gelte nach seiner Auffassung nicht nur für die Zukunft, sondern ebenso für die Vergangenheit.

Goddard vertrat die Ansicht, dass man Erinnerungen revidieren und dadurch ihre Auswirkungen verändern könne. Wenn man eine Erinnerung als real empfindet, verändere man das Ereignis im Bewusstsein selbst – und damit auch dessen emotionale Wirkung.

Indem wir Begebenheiten Sinn und Bedeutung verleihen, entstehen Glaubenssätze, die sich in unser Selbstbild einfügen und es fortlaufend bestätigen.

So entwickelt sich eine Identität. Bob Proctor bezeichnete deren Grundlage als Paradigma:

„A paradigm is essentially a mental program embedded in your subconscious mind. It controls your habits, behaviors, and decisions, driving nearly every aspect of your daily life.“

Ein Paradigma steuert demnach Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Entscheidungen und damit auch unsere gewohnten Denk- und Gefühlsmuster.

Man könnte nun fragen: Verändert sich die Vergangenheit tatsächlich, wenn ich ein Erlebnis anders fühle? Wird dadurch etwas ungeschehen gemacht?

Wenn man davon ausgeht, dass Bewusstsein die Grundlage aller Erfahrung ist, dann erscheint alles Erlebte als Ausdruck eines bestimmten Bewusstseinszustands.

Verändert sich dieser Zustand, verändert sich auch die Art und Weise, wie wir ein Ereignis erleben und bewerten.

Wer seine Erinnerungen überarbeitet, löst nach und nach die emotionale Ladung belastender Erfahrungen auf und schreibt ein neues Bedeutungsmuster ins Bewusstseinsfeld. Die Vergangenheit verliert dadurch ihren Einfluss auf die Gegenwart.

Man entzieht dem Unerwünschten Aufmerksamkeit und stärkt stattdessen eine neue Annahme.

Letztlich geht es darum, die eigene Denkweise zu verändern. Und mit ihr verändert sich auch die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und erfahren.

Deshalb kann es hilfreich sein, die Enttäuschungen, Frustrationen und unangenehmen Erlebnisse eines Tages jeden Abend bewusst loszulassen, indem man sie revidiert.

Erlebe den vergangenen Tag innerlich so, wie du ihn dir gewünscht hättest.

Mit der Zeit entwickelst du daraus eine Gewohnheit und trainierst dein Bewusstsein auf eine neue Weise.

Wenn du erkennst, dass nichts endgültig festgeschrieben ist, wirst du dich weniger als Opfer äußerer Umstände erleben. Diese Praxis verändert nicht nur deine Beziehung zur Vergangenheit. Sie hilft dir auch dabei, während des Tages gelassener auf unerwünschte Ereignisse zu reagieren.

Alte Wunden verlieren ihren Einfluss, und Vergangenes bestimmt nicht länger deinen Gemütszustand. Es entsteht ein Gefühl innerer Freiheit.

Zur praktischen Anwendung:

Betrachte die Revisionstechnik als festen Bestandteil deines abendlichen Rituals.

Rufe dir kurz vor dem Einschlafen die Ereignisse des Tages ins Gedächtnis und gehe dabei möglichst chronologisch vor.

Sieh dir den Tag zunächst so an, wie er tatsächlich stattgefunden hat. Verdränge nichts.

Sobald du auf eine Situation stößt, die nicht deinen Wünschen entsprach, halte kurz inne. Es genügt, wenn du das Ereignis und deine damaligen Gefühle einen Moment lang betrachtest.

Nimm die Situation nun gedanklich aus deinem Tagesablauf heraus, gestalte sie nach deinen Vorstellungen um - und füge sie anschließend wieder ein.

Fühle die neue Version als real, natürlich und selbstverständlich.

Akzeptiere sie als deine neue innere Wahrheit.

Wenn dein Gedächtnis protestiert oder dein Verstand dir sagt, dass dies nicht möglich sei, erinnere dich daran, dass dein Verstand lediglich ein Werkzeug ist. Er entscheidet nicht darüber, was für dich möglich oder unmöglich ist. Denn du hast deinen Verstand überhaupt erst mit deinem Bewusstsein erschaffen. Er hat dir nichts zu sagen. 

Lass die Situation nach ihrer Umgestaltung los. Du musst nicht kontrollieren, ob die Revision funktioniert hat, und du benötigst keine Bestätigung aus der Außenwelt.

Wende dich einfach dem nächsten Erlebnis des Tages zu und überarbeite alles, was du lieber anders erlebt oder empfunden hättest.

Das ist die Technik.

0 comments

Leave a comment